Plastische und Räumliche Darstellung für Architekten

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Seminar: Anna Bajanova

 

 

 

 

Yssykköl: hybride Architektur zwischen postsowjetischer Identitätssuche, nomadischer Tradition und globalem Kapitalismus.

 

 

Es geht um die Diskrepanzen und Gegensätze in der Gesellschaft, um die improvisierte Opulenz und um Collagen, die eher aus der Not entstehen: das Vorgefundene, das Mitgebrachte und das Neue. Es geht um die verschiedenen kulturellen Aspekte im postnomadischen, postsowjetischen ländlichen Kyrgyzstan, darum, etwas Gebautem eine Form zu geben und ein zeitgenössisches Wohnen zu entwickeln.

 

Der Ort, um den es hier geht, befindet sich im zentralasiatischen Kyrgyzstan am südlichen Ufer eines Hochgebirgsees, des Yssykköl. Yssykköl bedeutet „heißer See“, oder auch „heiliger See“. Für die Nomaden war er ein zentraler Aufenthaltsort und eine Pilgerstätte, da das Gewässer selbst als heilig galt. Dennoch wurde der See während der Zeit der Kirgisischen SSR vom sowjetischen Militär zum Testen von Torpedos und Torpedosteuerungssystemen genutzt.

Heutzutage ist Yssykköl sowohl Naturschutz- als auch Erholungsgebiet. Die Nordküste des Sees gilt als Riviera Zentralasiens mit mehreren Urlaubsorten, Hotels und Sanatorien. Die Südküste ist bisher weitestgehend touristisch unerschlossen, es gibt dort jedoch Dörfer und Siedlungen am Fuße der hohen Bergzüge im Süden des Landes. Die Region wird durch die bereits vorhandene Infrastruktur und den direkten Anschluss an die Berge auch für Reisende zunehmend interessanter.

 

Mit meiner Diplomarbeit entwerfe ich einen Masterplan für die Region des südlichen Yssykköl, für ein dort befindliches Dorf und für ein Musterhaus.

 

Das zukünftige Dorfgelände befindet sich im südwestlichen Teil des Sees in der Nähe von einer radonhaltigen heißen Wasserquelle, einer bestehenden Siedlung und einem Versammlungsort für nomadische Pferdespiele. Aufgrund der topografischen Bedingungen können die umliegenden Dörfer nicht beliebig wachsen, so dass eine neue Stelle für mehr Häuser benötigt wird. Die Siedlung teilt sich in zwei Wohnbezirke auf. In der Nähe des Sanatoriums befinden sich zum größten Teil Mietshäuser (1), die eine engere, fast städtische Struktur aufweisen. Im Gegensatz weist der Hafenbezirk eine weniger kompakte Struktur auf, die Einfamilienhäuser (2) auf größere Parzellen für landwirtschaftliche Nutzung aufnehmen kann. Beide Teile des Dorfes sind durch die Aprikosenplantagen (3) verbunden. Zusammen bilden diese drei Elemente einen klaren Rahmen für das natürliche Terrain, das geschützt werden soll und das auch im Masterplan der Region eine zentrale Stellung einnimmt, da die an der Südküste gelegenen Sanddorn-Sumpffelder die Funktion eines natürlichen Wasserfilters erfüllen.

 

Das grundlegende Prinzip des Hausentwurfs ist die Kombination traditioneller nomadischen Wohnformen mit einer festen Struktur. Dies betrifft sowohl die Auswahl der Materialien, die flexible Nutzung je nach Saison und die Organisation der Räumlichkeiten um einen offenen, zentralen Raum, als auch das Auftreten des Hauses, das bewusst der Natur untergestellt bleibt. Die tragende Struktur besteht aus unterschiedlcih höhe Lehmschotten im Erdgeschoss. Auf diesem Basis bildet eine Holzkonstruktion die Struktur für das Obergeschoss. Der zentrale Raum mit beheiztem Wohnpodest und die Kochstelle bilden den Fokus in beiden Geschosse und kann flexibel genutzt werden als Ort des Zusammenkommens, zum Essen oder auch als Schlafraum. Verschiedene Öffnungen bieten mehrere Zugangs- und Nutzungsmöglichkeiten: in Sommerzeiten können z.B. die verglasten Wintergärten komplett geöffnet werden um als Sommerküche zu dienen. Im Winter sind diese Nutzräumen für zum Beispiel das Zuchten von Setzlinge oder andere vorbereitende landwirtschaftliche Aktivitäten. Im Erdgeschoss sind die Fenster zu hoch um im Sitzen hinauszuschauen. Im Obergeschoss ist dieses Verhältnis umgekehrt. Nur im Liegen oder im Sitzen hat man einen freien Ausblick über die Landschaft. Eine klare Nutzung für jedes Zimmer ist nicht vorgesehen, aber vorgeschlagen.

 

Die so erzeugte Effizienz des Hauses sowie die asketisch gehaltene Einrichtung werden mit erneuerbaren energetischen Ressourcen und nachhaltigen Lösungen kombiniert und bedienen sich damit modernster Technologien, wie zum Beispiel Bioreaktoren, die sowohl zur Wärme- als auch zur Nahrungsmittelgewinnung dienen können. Wie die modernen Hirten, die hoch in den Bergen ihre Handys mit Solarpaneele aufladen, um neben den Schafen Candy Crush zu spielen, soll meine Diplomarbeit globale Tendenzen und lokale Gegebenheiten miteinander kombinieren.

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