Plastische und Räumliche Darstellung für Architekten

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Raumaneignung

Alexandra Ranner

aus: Horizontale Reaktion, Herausgeber PRaDA – Fachgebiet für Plastische
und Räumliche Darstellung, Universität der Künste Berlin, 2016

 

 

Im Schimmer der letzten Lichtreste des Tages und in ereignisloser brandenburgischer Ödnis gräbt ein junger Mann ein körpergroßes Loch in die Erde, schlüpft in einen Jutesack, legt sich in das Loch und gibt sich dem Eintritt der Nacht hin. Bei Tagesanbruch kriecht er, verhüllt in seinem Sack, der ihn wie ein Kokon umschließt, durch Landschaft und verlassene Orte. Er hat sich etwas genommen, das er sonst nicht bekommt in der Welt, in der er funktionieren muss, eine Behausung, die nur für ihn da ist, die ihn umschließt wie eine Hülle und ihm ein Gefühl von Ich gibt, wenn er sich damit durch das Weltgefüge bewegt.1

 

Architektur unter dem Dach einer Kunsthochschule: Diese Konstellation fordert explizit künstlerische Ansätze heraus.  Doch welche Rolle nimmt die Kunst in diesem Kontext ein und wodurch ist sie bestimmt? Im Kern durch ihre Freiheit. Wir arbeiten der Architektur nicht formal gestalterisch zu, vielmehr vertreten wir das Kunstschaffen in diesem Kontext bewusst als autonome Disziplin. Wir lösen uns von der Idee des architektonischen Raumes mit all seinen materiellen Erfordernissen und damit von den architekturspezifischen Denkweisen und Verfahren, die Gestalt oder Form notwendig immer mit nützlichen Zwecken verbinden müssen. Unser Handlungsansatz ist anders.  

Kunst schöpft aus der Intensität des Grotesken und Absurden, der Feinheit des Fragilen, der Anmut des Brüchigen, feiert die Qualität des Unfertigen und Ambivalenten. Der Kunstbegriff, mit dem wir operieren, verhandelt das Empfinden von Schönheit als ein komplexes und vielschichtig zu betrachtendes Thema. Vor allem aber scheiden Nützlichkeitserwägungen bei der Kunst aus.  Sie schaden ihr. Kunst ist nicht nützlich, sondern autonom. Ihre Stärke liegt darin, bedingungslos alles denken und erproben, unabhängig auf ihre selbst gesetzten Inhalte und Zwecke zugreifen zu können.

Die Idee der Freiheit ermöglicht künstlerisch Denkenden und Handelnden die Orientierung an ihrer individuellen Motivation und verspricht die größtmögliche Intensität der Arbeit. Unser Ziel ist daher die Bewahrung der initialen Vorstellungskraft bis in die letzte Praxisphase. Was wir anstreben, ist die Transformation von Vision in Gestalt. Dabei interessiert uns Formfindung, nicht aber Formalismus.  Das Poetische und das Experimentelle, besonders aber das Persönliche und dessen Übersetzung in künstlerische Form stehen im Zentrum unserer Arbeit, denn subjektiver Zugriff fördert Haltung anstelle von inhaltsleerem Gestaltungsgeschick, Haltung, die sich gegenüber den Herausforderungen unserer Zeit behaupten kann, weil sie in persönlicher Empfindung und Erfahrung, deren Reflexion und praktischer Bearbeitung gründet.

Der Raum als Umgebung des Menschen und als Fundament des Humanen ist das Arbeitsfeld, in dem wir uns bewegen. Unsere Aufmerksamkeit richtet sich auf das Menschliche, auf dessen Möglichkeiten und Bedürfnisse ebenso wie auf die Gefährdungen seiner Entfaltung.

Was wir den Studierenden der Architektur anbieten, ist eine von programmatischen Zwecken freie Auseinandersetzung mit dem Raum, der uns umgibt und prägt, der uns trägt oder fallen lässt, der uns aufbaut oder zerstört, der unser Empfinden schärft oder abstumpft, der gebaut ist oder nicht gebaut, der faktisch vorhanden oder allein durch Beziehungen von Akteuren und Objekten bestimmt ist, der aber stets menschengemacht ist – und sei es allein durch körperliche Präsenz.

 

Ein Mann in einem dunklen Anzug läuft seltsam entrückt durch eine leere labyrinthische Betonarchitektur. Er zieht einen Feuerlöscher aus der Verankerung und schießt Rauchkaskaden in die hermetischen Windungen einer Parkhausstraße. Die Situation verwandelt sich in die Apokalypse eines Bürgerkrieges, und der Raum wird zum kongenialen Gegenspieler der entfesselten Person. Luna Park ist ein Ort mit subversivem Potenzial, frei von Funktion, ohne Grenzen und Gesetze. Hier im städtischen Off durchwandert ein geisterhafter Wächter die unscharfen Ränder der dämmrigen Kluften, eine Stimme erfüllt die Kammern mit sphärischem Gesang, ein Mann gibt sich entwaffnet der Zärtlichkeit eines Huhns hin, welches, auf der Suche nach sich selbst und in der Manier eines Urwald-Kakadus, mit der Liebe des gestrandeten Yuppies kokettiert.2

 

Unser Fokus liegt auf den Wirk- und Ausdrucksmöglichkeiten des Raumes als Momente sinnlicher Erfahrung. Dabei nehmen wir auch die ökonomischen, politischen, sozialen, ästhetischen und emotionalen Auswirkungen raumgebender Maßnahmen in den Blick. Wir thematisieren die Wichtigkeit der Existenz von Leerräumen und Lücken, in denen Anwesenheit nachklingt und Erwartung mitschwingt, die nach Bewahrung oder Besetzung mit bisher unbekannter Bestimmung rufen und die den glamourösen und gleichermaßen subversiven Raum der Phantasie in das System der Strategen stellen.

Gegenwärtig ist mehr denn je unkonventionelles Denken gefordert, um unsere Lebensräume und unsere sozialen Beziehungen nicht allein vom Primat der Gewinnmaximierung dominieren zu lassen. Unser Lebensraum wird zunehmend komplexer. Migration, Kulturaustausch, Umweltprobleme und soziale Veränderungen fordern neue Lösungen dafür, wie wir auf dichtem Raum zusammenleben, wie viel Offenheit oder Reglementierung, wie viel Möglichkeitsraum wir wollen. Dazu ist Haltung erforderlich, die Konflikte aushält, aber auch austrägt.

 

Ein Wohnblock am Alexanderplatz. Der DDR-typische Plattenbau atmet letzte Reste Staatssozialismus.  Unten ist alles verstellt, vergittert, verbaut. Erst ein Blick aus Distanz nach oben lässt das Bild von einem großen, auf dem Platz gestrandeten Tanker aufglimmen. Ein visualisierter Entwurf zeigt, welches Potenzial er hat. Kleine Eingriffe und Veränderungen transformieren seine Ausstrahlung weitreichend. Das Erdgeschoss wird freigeräumt und die Stützkonstruktion bringt den Koloss zum Schweben. Darunter und in den nun offenen Innenhöfen entstehen Orte der Kommunikation und des sozialen Lebens.  Die Reinigung der Fassade mit ihrem Riffelbeton tut ein Letztes, dem alten Tanker eine spröde Schönheit und Erhabenheit zu geben, die von Geschichte und zerfallenen Utopien erzählt und gleichermaßen von neuen Hoffnungen. Der monumentale Bau wird zu einem Gewinn für den Alexanderplatz, günstiger Wohnraum und gewachsene Sozialstrukturen werden in eine neue Zeit hinübergerettet, die Abrissbirnen schwingen irritiert ins Leere – was man hier erfährt, ist, dass Demut ein revolutionärer Akt sein kann und dass Schönheit durch Reibung und Intensität entsteht.3

 

Um die Wirkung von Raum, Körpern, Aktionen und Relationen im Raum jenseits definierter Zwecke zu untersuchen, ist uns jede Darstellungsform und fast jedes Mittel recht: persönliche Künstlerbücher von Wanderungen im Stadtraum, Performances in inszenierten Settings und in öffentlichen Räumen, das Modellieren von »panischen Torsi«, Hausbesetzungen und Kurzfilme. Durch das Einbeziehen des Zufalls, durch die Eigendynamik des Handelns, durch Experiment und Zugriff anstelle von starren Konzepten entstehen bildhafte Denkräume, die größer und weiter sind als diejenigen, die unser konstruierender Verstand je bauen könnte.

Insbesondere setzen wir auf die Narration und auf die Kraft der Fiktion. Das Vorgefundene kann durch Vorstellungskraft bewegt und neu gedacht werden. Erdichtung bringt mit dem formalen Arsenal poetischer Strategien Subjektivität und Vision in Stellung. Die Imagination stärkt die Intensität des sinnengeleiteten Denkens und erweitert das gegenwärtig Denkbare in ein unverbrauchtes Mögliches. 

Die Konsequenz aus dem Primat der Imagination ist die Verdichtung des Mehrdeutigen im Bildhaften. Komplexe Vorgänge und Zusammenhänge werden so komprimiert, dass sie in ihrer Gesamtheit darstellbar und spürbar werden. Das bildhafte Denken vereint sinnliche und intellektuelle Wahrnehmung in einen Vorgang. Im Gegensatz zum konzeptionellen ermöglicht das bildhafte Denken, spontane Ereignisse und unerwartete Wendungen unmittelbar mit einzubeziehen.

Dieses Buch, dessen Dramaturgie mit Dialogen unterschiedlichster künstlerischer Darstellungsmodi auf die Assoziationskraft seiner Betrachter setzt, macht diese spezielle Wahrnehmungsform anschaulich. Stellen wir einem Bild, das eine angestrahlte Person in einem Wald zeigt, das Bild rennender Männer in einem Parkhaus gegenüber, entstehen im Kopf des Betrachters Korrespondenzen und Kettenreaktionen. Auch wenn beide Bilder aus dem Zusammenhang gerissen sind und sich die Geschichte, die sie erzählen, nicht gleich erschließt, machen sie die Komplexität und Wirkmächtigkeit von Räumen bewusst. Das Auge setzt Fakten, indem es Denkwürdiges erspürt. Es bahnt den Weg für Reflexionen über Ereignisräume des Menschlichen mit allen Höhenwegen und Abgründen. Der Sog und die Suggestionskraft sind groß, weil wir den Raum, der sich in der Diskontinuität der Bilder und Situationen auftut, unterbewusst als Möglichkeitsraum wahrnehmen, als Ort einer Auslotung des Daseins, als Sphäre, in der wir unserem innersten Wesen, unseren Träumen und Traumata, unseren Ängsten, Sehnsüchten und Obsessionen begegnen.

 

Der sv7 ist ein autonomer Raumwurm, der sich parasitär in eine Berliner Shopping-Mall eingenistet hat. Sein Eingang tarnt sich als normaler Eingang einer Kleider-Boutique. Hinter dieser Tür aber verlieren wir uns in einem Parcours aus aufeinanderfolgenden und ineinander verschränkten leeren Räumen, die mit den physischen Bedingungen von Licht, Materie, Raumproportion und Akustik operieren, aber letztlich nichts anderes sind als ein Gleichnis des Fragilen. Pulsierende Lichter, soghafte schwarze Löcher, leere Regalskelette, reflektierende Glasscheiben verführen uns zu undefinierten Gelüsten, werfen uns auf uns selbst zurück und machen uns zum eigenen Herrn in der infiltrierenden Welt der Shopping-Mall. 4

 

Unser Leben ist von Zweckrationalität und Konsum geprägt. Wir beziehen eine Gegenposition und behaupten, dass unser Lebensraum mehr zu bieten hat, dass er auch poetisch sein sollte, Reibungen aufweisen darf, Leerstellen zulassen kann, unsere Konflikte, Hoffnungen und Sehnsüchte darstellen sollte. Unsere Anstrengungen zielen darauf, Ideen von Raum als Lebensraum freizusetzen, in dem elementare Aspekte unseres Lebens wie Integration und Kommunikation, privater Rückzug und potentielle Raumaneignung, ­selbst­bestimmtes Handeln, freies Denken und intensives Empfinden, über räumliche Strukturen vermittelt, realisiert werden können.

Das Bewusstsein für den ästhetischen Ertrag und den Erkenntnisgewinn aus der Arbeit am Differenten soll künftigen Architektinnen und Architekten ermöglichen, ihren Blick über funktionale und materielle Rationalität hinaus weiterzuentwickeln. Die in der künstlerischen Praxis produktiv genutzte Freiheit kann eine erweiterte Auffassung des Ästhetischen bewirken und eine klar formulierte Haltung fördern, welche Architektur verantwortungsbewust in den sozialen, gesellschaftlichen und politischen Kontext stellt. Dadurch wird ein Potenzial freigesetzt, das Öffnung und Erneuerung hervorrufen und den notwendigen Diskurs zwischen allen, die bestimmen, wie unsere Städte, Kieze, Parks, Plätze und Wohnungen aussehen und wirken können, substan­ziell anfeuern wird.

Schön ist unserer Ansicht nach nicht, was uns einlullt und bequem macht. Schön ist das, was uns berührt, bewegt und tief beschäftigt. Es gilt, der Intelligenz des Auges zu vertrauen und diese zu schärfen, um zu verstehen, dass gute Bilder von Erdichtung und Verdichtung leben, dass Schönheit auch und gerade in Kontrast, Konflikt und Komplexität darstellbar und erkennbar ist, dass das Schönste oft das Magische und Änigmatische bleibt, das nicht auflösbar ist, uns aber nachhaltig anrührt.

 

 

Die nummerierten Textblöcke sind Beschreibungen der Autorin folgender Arbeiten:

1 Sack, Frieder Plümel/Haito Long, Projektarbeit

2 Luna Park, Hannes Stimmann, Diplomarbeit

3 Memhardstraße Berlin, Markus Bühler, Diplomarbeit

4 sv7, Sebastian Nicolle, Diplomarbeit

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