Plastische und Räumliche Darstellung für Architekten

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Themen und Schwerpunkte

Alexandra Ranner

 

 

Die folgenden Themen und Schwerpunkte resultieren aus dem Unterricht, aus Seminaren und Exkursionen im Austausch zwischen Lehrenden und Studierenden. Die Eröffnung des Dialogs und die Dokumentation seiner Ergebnisse ebnen allen Beteiligten den Weg zu einem vertieften Nachdenken über die Zusammenhänge von Architektur und Kunst.

Präsentiert wird ein roter Faden, der sich verästelt und verwickelt, der aber auch immer wieder einer kritischen Revision unterzogen wird. Kunst bedeutet Freiheit. Das Vermittlungskonzept des Lehrstuhls versteht sich als dynamisches Manifest ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Die Texte spiegeln programmatisch in stetigem Wandel die Aufstellung und Positionierung der Kunst in der Architekturlehre und repräsentieren Selbstverständnis und Praxis des Lehrstuhls.

 

Parallelwelten
Schnittstelle Kunst und Architektur

Im Fachbereich Plastische und Räumliche Darstellung im Studiengang Architektur werden ausschließlich künstlerische Strategien und Arbeitsweisen erprobt. Die Studierenden arbeiten mit größtmöglicher Intensität an freien Kunstprojekten und streben ein Ergebnis auf hohem künstlerischen Niveau an.

Kunst im Studiengang Architektur sieht sich nicht in dienender und aufbauender Funktion. Vielmehr vertreten wir das Kunstschaffen in diesem Kontext bewusst als autonome Disziplin. Der Brückenschlag zur Architektur und die Klärung der Sinnfälligkeit dieser autonomen Herangehensweise erschließt sich durch die nachfolgenden Erläuterungen. Künstlerisches Schaffen ist ein wesentlicher Katalysator zur Ergründung der persönlichen Motivation - und darauf aufbauend ein Verstärker zur Positionierung des Einzelnen in der Welt.

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Radikal persönlich
der Motor der kreativen Arbeit

Intensität ist eine persönliche Erfahrung und lässt sich am besten an einer Arbeit erleben, die ganz explizit von der eigenen Person und ihrer Motivation ausgeht. Die freie Kunst schlägt am radikalsten den Bogen vom Individuum zur Welt. Sie ist frei von den Bedingungen des Angewandten. Wir fragen Studierende nach ihren persönlichen Motivationen und Vorlieben. Wir versuchen in einem kreativen Prozess Intensität direkt erfahrbar zu machen.

Die Erfahrung von Intensität ist das Erleben einer individuellen Energie, die sich auf alles Handeln und Denken übertragen lässt. Die Suche nach dem eigenen Antrieb und die Präzisierung der Vielzahl an Antworten zählen zu den wichtigsten Lernprozessen. Wir stellen die Frage, warum wir etwas erschaffen wollen, woraus sich dieser Antrieb speist und was die jeweilige Zielrichtung sein könnte.

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(Un)Tiefe
der Schlamm der Möglichkeiten und das Scheitern

Nichts ist peinlich oder abwegig, wenn es darum geht, die eigene Präsenz, das eigene Interesse und das eigene Handeln aus den Untiefen der individuellen Persönlichkeit zu schälen und zur Arbeitsgrundlage zu machen. Und nichts ist kreativer.

Dagegen ist nichts unschöpferischer, als mit einer fertigen Formvorstellung zu beginnen. Das Ergebnis ist damit vorgeprägt und fremdbestimmt. Kunst erwächst nicht aus Design, sondern aus dem Schlamm aller Möglichkeiten. Die Suche nach der Gestalt ist der zweite und ebenso wesentliche Schritt. Experiment, Scheitern, Mut und Risiko – das sind die Bestandteile unserer Arbeitsweise.

Es gilt den jeweils eigenen persönlichen Ansatz zu verdichten, aus dem individuell und subjektiv angelegten Potenzial zu Inhalten und Ausdrucksgehalten zu gelangen und diese in eine künstlerische Form zu übersetzen.

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Ladehemmung
und die Frage des Sichtbaren

Jeder künstlerisch tätige Mensch kennt wohl diese Angst: Eine Idee vibriert vielversprechend im Kopf, droht aber ihre bezwingende Kraft einzubüßen, wenn sie auf ein weißes Blatt Papier oder eine leere Leinwand entlassen wird. Die Gefahr kündigt sich an, dass die noch schwebende Imagination in der Verfestigung an Intensität verliert, dass sie vielleicht sogar banalisiert wird.

Kreative Arbeit besteht zum größten Teil darin, einer Idee, nachdem sie die reine Gedankenwelt verlässt und in der Realität angesiedelt wird, die Kraft zurückzugeben, die sie in der Vorstellung hatte. Dies gelingt ausschließlich über die Arbeit an der Form. Damit rückt die gestaltende Praxis in den Mittelpunkt des kreativen Prozesses, der sowohl wiederkehrende Inspiration, insbesondere aber Anstrengung, Fleiß und Ausdauer erfordert. Allein diese Verbindung schafft die Voraussetzung für das Gelingen eines intensiven Werkes.

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Der emotionale Raum
ein Gefüge von Relationen

Trotz aller Freiheiten in der Themen- und Medienwahl ist der Raum unser übergeordnetes Sujet. Im Zentrum unserer Aufmerksamkeit steht ein Raum jenseits baulicher Wirklichkeit, den wir als emotionalen Raum bezeichnen.

Es handelt sich dabei um eine Räumlichkeit, die der Mensch durch seine Präsenz, Handlungen und Gefühle entstehen lässt und ausfüllt. Der Mensch selbst ist auf unterschiedliche Weise raumbildend, sei es durch sein Einwirken, sein Empfinden, seinen Ausdruck oder seine kulturellen Dispositionen.

Skulpturalität verstehen wir in diesem Zusammenhang in einem erweiterten Sinn. Skulpturaler Raum erfasst sowohl die Bearbeitung von Material und die Formgebung von Objekten wie auch ihre Beziehung zueinander. Wir wollen dafür sensibilisieren, die Objektwelt sowie das Geschehen in ihr als plastisch räumliches Ereignis zu sehen und zu verstehen. Zwei emotionale Räume können durch ihr Wechselverhältnis eine plastische Gestalt annehmen. Raum ist ein Gefüge von Relationen.

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Der unsichtbare Dritte
die schöpferische Macht des Zufalls

Wir stehen für einen kreativen Prozess, der vorrangig auf visueller Arbeit basiert. Wir unterscheiden zwischen dem visuellen Denken, das zunächst aus allen Möglichkeiten des Spontanen, Emotionalen und der Eingebung schöpft, und dem kognitiven Denken. Das kognitive Denken kommt ins Spiel, wenn das Gemachte gesichtet und mit dem Geplanten abgeglichen wird.

Durch die Entfaltung dieses Dialogs und die Installierung dieses Wechselspiels im kreativen Prozess untersuchen wir, welche Bedeutung das Material transportiert. Wir analysieren die Beziehungen zwischen verschiedenen gestalterischen Elementen und untersuchen die jeweiligen Inhalte solcher Kombinationen.

Wir versuchen zu hinterfragen, welchen Gedanken das bereits Gemachte transportiert, und erörtern, ob das Ungewollte, das Ungeplante, also der Zufall, in manchen Fällen nicht interessanter ist, als es der Plan im Kopf jemals sein konnte.

Im Tun wächst der Künstler über seine Vorstellungen hinaus.  Die künstlerische Praxis legt offen, was zuvor unsichtbar und auch ungedacht war. Sie setzt Unbekanntes frei. Elemente wie Zufall, Chaos, Spontaneität sollen als wesentliche Faktoren im kreativen Prozess ins Bewusstsein gerufen werden. Auch Fehler und das Scheitern werden auf ihr schöpferisches Potenzial hin betrachtet.

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Narration
die Gesprächigkeit der Dinge

Ob bewusst oder unbewusst – wir müssen die Objekte unserer Wahrnehmung interpretieren. Wir deuten die Gestalt und suchen nach dem Ausdruck der Dinge. Im Laufe der Evolution haben wir gelernt, in Wolkenfetzen Gesichter zu erkennen, aus zufälligen Flecken oder Sternenbildern Figuren zu assoziieren. Menschen ertragen es nicht, dass ihnen die Dingwelt fremd ist. Sie versuchen ihr durch kognitive Auslegung und emotionale Aneignung näher zu kommen. Deshalb nehmen wir Häuser als Gestalten wahr und sehen in Fenstern Augen. Unabhängig davon, ob der Erbauer dies will oder nicht, die Dinge sprechen zu uns.  – Sie erzählen Geschichten. Dies als gestalterischer Mensch ignorieren zu wollen wäre vermessen.

Gleichgültig, ob es sich um expressive Formenfülle oder minimalistische Reduktion handelt – die Dinge wecken und bewegen unsere Gefühle und Gedanken. Sie sprechen von Selbstbewusstsein, Zerbrechlichkeit, Aggressivität, Größenwahn, Selbstgenügsamkeit, Macht, Lebensfreude, Einsamkeit, Offenheit, Hass, Fröhlichkeit, Strenge, Selbstverleugnung, Pragmatismus, Gemütlichkeit, Trägheit, Wildheit, Introvertiertheit, Leichtigkeit, Ängstlichkeit, Verstümmelung, Humor, Ironie und meist von einer komplexen Mischung aus all diesen Elementen.

Auch das Material spricht zu uns.  Die stoffliche Erscheinung der Dinge besitzt ein eigenes Wesen und eine eigene Selbstgewissheit, die sich nicht wegdiskutieren lässt. Die Objektwelt hat einen prägenden Ausdruck und deshalb eine emotionale Wirkung. Für diese Eindrücke zu sensibilisieren und diese bewusst in die Formfindung einzubeziehen, verstehen wir als wichtigen Teil unserer Arbeit.

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Fiktion
die gestaltende Kraft der Erfindung

Kunst kommt nicht von Forschung, sondern von Erdichtung. Dies hängt eng mit dem phonetisch verwandten Wort „Verdichtung“ zusammen. Um einen eigenen, individuellen Blick auf die Welt künstlerisch zu formulieren, genügt es nicht, das Vorhandene nachzuahmen. Das objektiv Vorgefundene muss durch subjektive Vorstellungskraft neu erfunden werden. Ein Kunstwerk stellt eine Verdichtung der Wirklichkeit dar.

Alles ist erlaubt, um einer Idee, einer Inspiration, einem Gedanken Präsenz, Ausdrucksstärke und Dichte zu verleihen. Übertreibung, Erfindung, Überspitzung und Weglassung sind notwendige und unerlässliche Mittel der künstlerischen Produktion. Denn Wahrheit im künstlerischen Sinne meint nicht die penible Auflistung des Faktischen, sondern eine nach-, parallel und neu schöpfende Imagination, die den Dingen zu ihrer höchstmöglichen Gegenwärtigkeit und Intensität verhilft.

Die Fiktion ist das Weiterdenken des Bekannten in den Möglichkeitsraum. Dieser visionäre Raum interessiert uns mehr als das bereits Gesetzte, weil er sich in die Zukunft hinein ausdehnt – weil er dem Potenziellen den Vorzug vor dem Faktischen gibt.

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Bildsprache
die Gestalt als Träger des Gedanken

Sowohl in unserer kreativen Praxis wie auch im begleitenden Diskurs nimmt die Entwicklung einer bildhaften Vorstellung und Wahrnehmung einen bedeutenden Rang ein. Im Bild verdichten sich die visuelle und die gedankliche Aneignung von Wirklichkeit.

Die Intensität des Ausdrucks von Gedanken und Empfindungen wie auch die Stärke der Wiedergabe von Gesehenem vermittelt sich über die Kraft des Bildes.  Durch Auswahl und Gewichtung, Reduktion und Überzeichnung gewinnt das Bild ein Eigengewicht und ebnet einen neuen Zugang zur Wirklichkeit. Über die Ambivalenz in der Form und die Vielschichtigkeit in der Materialsprache eröffnen sich verschiedene Blickwinkel für die Reflexion.

In der Verstärkung bildhafter Entwürfe wird die Gestalt zum Träger des Gedankens, sinnliche Wahrnehmung und atmosphärisches Empfinden sind gegen die Dominanz der Logik in Stellung gebracht.

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Die Lücke und das Ungeordnete
Stachel im System

Auch Lücken kennzeichnen das Erscheinungsbild gebauter Wirklichkeit. Brachen lassen Wildwuchs assoziieren oder eine Kerbe im System erkennen. Das in der Lücke repräsentierte Andere nährt Subversion und Rebellion.

In dem Freiraum, den die Lücke faktisch wie gedanklich generiert, kann ein Gefühl von Mangelhaftigkeit des Systems seine Bestätigung finden, das Bewusstsein von Unzulänglichkeit könnte den Wunsch nach Veränderung aktivieren. Eine Lücke kann aber auch auf utopisches Potenzial verweisen. Sie stellt den fragilen Raum für Fiktion und Erdichtung in das System der Strategen und Planer.

Indem wir unsere Aufmerksamkeit auf Brachen und Leerstellen richten, fördern wir nicht nur die Sensibilität für die Bedeutung der Leere als formale und gedankliche Kategorie. Wir stärken auch das Empfinden für die Macht geschlossener Systeme. Nicht zuletzt ist Architektur auch Repräsentation und Ausdruck von Macht. In Beton gegossene Herrschaftsverhältnisse, Gesellschafts- und Verkehrsformen stehen dem Individuum unverrückbar gegenüber.

Lücken und Leere helfen die versteinerten Verhältnisse zu verflüssigen und dem  Menschen in einem dynamisierten System einen Platz als gestaltend Handelndem zuzuweisen.

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